Sprachforschung

Deutsch ist nicht gleich Deutsch

Wer sich mit Grammatik beschäftigt, hat eine einheitliche Norm vor Augen. Doch das ist falsch. Auch «lokal verankerte» Grammatiken sind korrekt. Christa Dürscheid, UZH-Professorin für deutsche Sprache, leitet ein internationales Forschungsprojekt, das solche Varianten erstmals systematisch erfasst und analysiert.

Roland Gysin

Grammatik ist tückisch. Der Satz, «die Nacht war eiskalt, doch nun ändert das Wetter», klingt in deutschen Ohren leicht schräg. Besser ist, «doch nun ändert sich das Wetter». Und das Eis im Türlersee ist nicht «genug dick», wie der Tages Anzeiger schreibt, sondern «dick genug». Je nach Land und Region finden sich auch unterschiedliche Mehrzahlformen. Einmal liest man «Park», dann «Parks» oder «Parke». Genau so unterschiedlich ist der Gebrauch des Perfekts: «Ich bin gestanden» oder «ich habe gestanden» – beides kommt vor.

Deutschsprachige Zeitungen: Regionale Unterschiede in der Grammatik sichtbar machen. (Bild: Roland Gysin)

Um solche Unterschiede in der Grammatik hat sich die Sprachwissenschaft bis jetzt kaum gekümmert. Nun ist Anfang August ein internationales Projekt «zur grammatischen Variation des Standarddeutschen» gestartet. Beteiligt sind Sprachwissenschaftler aus der Schweiz, Deutschland, Österreich, Liechtenstein sowie aus Belgien, Luxemburg und Südtirol. Die Koordinationsstelle befindet sich an der Universität Zürich bei  Christa Dürscheid, Professorin für deutsche Sprache.

«Variantenfrei» gibt es nicht

Die Forscher haben sich viel vorgenommen: Wer sich mit Grammatik befasst, hat stets das Ideal einer möglichst einheitlichen Norm, an der man sich zu orientieren hat, vor Augen. «Dabei impliziert ‚einheitlich’ in der Regel ‚variantenarm’ oder gar ‚variantenfrei’», sagt Christa Dürscheid. Und ist im «Grammatik-Duden» oder im «Variantenwörterbuch des Deutschen» von «Zweifelsfällen» die Rede, geht es nicht um regionale Unterschiede in der Grammatik, sondern darum, ob ein bestimmtes Wort oder eine Wortform standardsprachlich sind oder nicht: «Backte» oder «buk», «gewinkt» oder «gewunken»?

Das wollen Dürscheid und ihre Kollegen ändern. Nicht Varianten im Wortschatz sind das Thema, sondern regionale Unterschiede in der Grammatik.

Christa Dürscheid, Professorin für deutsche Sprache: «Eine lokal verankerte Grammatik ist ebenso 'korrekt' wie andere Varianten des Standarddeutschen.»  (Bild: UZH)

Dazu teilen die Wissenschaftler die deutschsprachigen Länder in Sektoren ein. Für die Schweiz sind drei Sektoren vorgesehen: der Westen und Süden der deutschsprachigen Schweiz und die Nordostschweiz. Pro Sektor wählen die Wissenschaftler je zwei Zeitungen aus, deren Online-Ausgaben sie in den kommenden drei Jahren systematisch erfassen. «Welche Zeitungen es sein werden, haben wir noch nicht bestimmt», meint Dürscheid.

Die Zeitungstexte bereiten die Sprachforscher dann so auf, dass die grammatikalischen Strukturen beschrieben und analysiert werden können. So lässt sich der Sprachgebrauch im gesamten deutschen Sprachgebiet dokumentieren und analysieren.

Selbstbewusster Umgang mit «lokaler Grammatik»

Für Dürscheid ist bereits heute klar, dass sich der Begriff der Grammatiknorm verändern wird: «Nicht mehr nur eine Art des Standarddeutschen – in der Regel die norddeutsche – wird als ‚grammatikalisch richtig’ angesehen; Schweizer und österreichische Konstruktionen, wie sie sich in den verschiedenen Zeitungen finden, werden gleichberechtigt daneben stehen».

Mehr noch: «Das wird dazu führen, dass die gängigen Grammatiken – allen voran der Duden — mehr Varianten zulassen, als sie dies heute tun, und dass, wie heute noch oft der Fall, nicht mehr nur der bundesdeutsche Sprachgebrauch als der einzig richtige deklariert wird.»

Eine solche «Variantengrammatik» könnte als Nachschlagewerk auch Auswirkungen auf den Unterricht haben. Die Forscher sind überzeugt, «dass Schülerinnen und Schüler mit mehr Selbstbewusstsein ihre 'lokal verankerte' Grammatik verwenden werden und zwar im Wissen, dass sie ebenso 'korrekt' ist wie andere Varianten des Standarddeutschen».

Und wenn dereinst Fremdsprachler vor lauter Ausnahmen und Sonderfällen wie eh und je schier verzweifeln, könnte ihnen die neue «Variantengrammatik» zumindest bewusst machen, dass in Zürich, Berlin und Wien zwar Deutsch geschrieben wird, aber eben nicht gleich, sondern ganz verschieden – und trotzdem korrekt.

Grammatik unter der Lupe

Nationale und regionale Unterschiede in der Grammatik der deutschen Standardsprache werden erstmals systematisch und im Rahmen eines internationalen Projekts erforscht. Start des Forschungsprojekts «Grammatische Variation des Standarddeutschen» war am 1. August 2011. Finanzgeber sind staatliche Förderinstitutionen, darunter der Schweizerische Nationalfonds. Gesamthaft stehen für die kommenden drei Jahre 1,2 Million Euro zur Verfügung. Die Koordinationsstelle des Projekts befindet sich an der Universität Zürich. Projektleiter sind Christa Dürscheid (Zürich), Stephan Elspass (Augsburg) und Arne Ziegler (Graz). Die Forschungsergebnisse werden in einem Handbuch dokumentiert werden, das für Sprachwissenschaftler und Sprachdidaktiker, aber auch für interessierte Laien konzipiert ist.

Roland Gysin ist Leiter Publishing.

Kommentar schreiben

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Unberücksichtigt bleiben insbesondere anonyme, ehrverletzende, rassistische, sexistische, unsachliche oder themenfremde Kommentare sowie Beiträge mit Werbeinhalten.

Anzahl verbleibender Zeichen: 1000