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Sozialwissenschaften

Gesellschaft verstehen, aber wie?

Sind die Sozialwissenschaften zu theorieverliebt? Zu wenig engagiert? Wissenschaftler der Universität Zürich debattieren darüber, wie sich ihre Fachrichtung zukünftig entwickeln soll. Morgen Donnerstag findet die öffentliche Schlussdiskussion statt.
David Werner

Täuscht der Eindruck? Oder sind die Sozialwissenschaften in der öffentlichen Wahrnehmung seit den Neunzigerjahren tatsächlich etwas in den Hintergrund geraten?

Der Soziologe und Philosoph Peter-Ulrich Merz-Benz, Leiter des Forums Philosophie der Geistes- und Sozialwissenschaften am Philosophischen Seminar, hat für eine Vorlesungsreihe im laufenden Semester Vertreterinnen und Vertreter mehrerer sozialwissenschaftlicher Disziplinen dazu eingeladen, über Aufgabe und Funktion, momentanen Zustand und Zukunft ihres eigenen Fachs zu sprechen. Eine Zwischenbilanz der Veranstaltung zeigt: Die Sichtweisen und Positionen sind recht vielfältig. 

Unsere Gesellschaft: Durch Zählen und Messen allein kann sie nicht vollumfänglich erfasst werden.

Nicht den Naturwissenschaften nacheifern

Gastgeber Peter-Ulrich Merz-Benz selbst vertritt die Meinung, die Sozialwissenschaften sollten sich mehr auf ihre Eigenarten und Qualitäten besinnen, statt den Naturwissenschaften nachzueifern. «Gesellschaft ist nicht Natur, sondern das Ergebnis sinnhaften, wertgeleiteten Handelns», argumentiert er, «sie kann daher durch blosses Messen und Zählen allein nie vollumfänglich erfasst werden.»

Deutungen und Bewertungen der Gesellschaft seien von ihrer Realität nicht zu trennen. «Jeder, der sich in der Gesellschaft bewegt, interpretiert sie auch – und formt sie schon dadurch mit», erklärt Merz-Benz. Auch die Forschung sei durch ihre Analyse und Deutungsarbeit laufend daran beteiligt, gesellschaftliche Wirklichkeit hervorzubringen.

Das Anliegen von Merz-Benz ist es, die Reflexion gesellschaftlicher Selbstbeschreibungen gegenüber dem blossen Ansammeln von Daten nicht zu sehr in den Hintergrund geraten zu lassen. Den soziologischen Klassikern wie Max Weber, Emile Durkheim, aber auch Niklas Luhmann sei ein entsprechender Stellenwert im Studium einzuräumen. 

Mangelnder Theoriefortschritt

Ganz anders sieht dies Soziologieprofessor Jörg Rössel. Für ihn ist das Gewicht, das den Theorieklassikern in der Lehre noch immer zukommt, ein Hinweis auf den mangelnden Theorienfortschritt im Fach. Die Soziologie sollte sich eher an den «Sciences» als an den Geisteswissenschaften orientieren, findet er.

Dazu gelte es, klare wissenschaftliche Standards festzulegen und verbindlich durchsetzen; dies sei bisher versäumt worden. «Wir sollten bewährte methodische Ansätze kumulieren und Unbrauchbares für immer verwerfen», empfiehlt Rössel. Stattdessen stünden heute in der Soziologie verschiedenste Richtungen und Schulen isoliert nebeneinander, die egoistisch ihr jeweiliges Paradigma verträten.

Fortschritte in der Theoriebildung blieben so aus. «Immer noch kann man in den Sozialwissenschaften Karriere machen und Erfolg haben, indem man nebulöse Behauptungen aufgrund zweifelhafter Methoden aufstellt», kritisiert Rössel.

Im Geiste der Aufklärung

Kurt Imhof, Professor für Publizistikwissenschaft und Soziologie, beschäftigt ein anderes Problem. Er stellt einen Umschwung der Fachkultur seit den Neunzigerjahren fest. «Der aufklärerische Gestus», so Imhof, «ist auf dem Rückzug.»

Wenn Forschende Präsenz und Engagement in der Öffentlichkeit zeigten, werde dies fachintern kaum mehr honoriert. Was zähle, seien allein Publikationen in Fachzeitschriften für Spezialisten.

Diese falsche Anreizstruktur führe zu wissenschaftlicher Selbstbezogenheit, zu immer stärkerer Binnendifferenzierung und zu schwindender Aussenwirkung – mit negativen Folgen auch für die Sozialwissenschaften selbst: «Ihre Reputation und Akzeptanz schwindet, wenn sie öffentlich nicht mehr sichtbar sind», warnt Imhof. 

Praktische Absicht

Am Anspruch der Sozialwissenschaften, gesellschaftlich Einfluss zu nehmen, hält auch Georg Kohler, Professor für Politische Philosophie, fest. Er plädiert für das «Modell einer Sozialtheorie in praktischer Absicht» – und beruft sich dabei auf die Frankfurter Schule, insbesondere auf den Sozialphilosophen Jürgen Habermas. Die Sozialwissenschaften, so Kohler, sollten bei aller Genauigkeit ihrer Analysen die Leitfrage aller Gesellschaftsdebatten immer im Blick behalten, die da laute: «Was sollen wir tun, um gut und richtig zusammenzuleben?»

Integratives Denken gefordert

Speziell auf die Situation an der UZH bezieht sich Publizistikprofessor Otfried Jarren. «Das grosse vorhandene Potenzial der hiesigen sozialwissenschaftlichen Fächer liesse sich weit besser entfalten, wenn mehr und enger zusammengearbeitet würde», sagt er. Noch mangle es an integrativem Denken und einer gemeinsamen Interessenspolitik.

Jarren wünscht sich eine «Umstellung von individueller Gelehrsamkeit hin zur Wissensproduktion in institutionellen Kontexten». Lehrstuhlübergreifend gelte es zu überdenken, wie, wozu und für wen man Wissen produzieren wolle. Nach Auffassung des Prorektors sollten die Sozialwissenschaften der UZH den Anspruch verfolgen, öfter mit integrativen Analysen und Reports zu sozialen Entwicklungen in der wissenschaftlichen Gemeinschaft in Erscheinung zu treten.

Gesellschaftlich wirksam zu werden bedeute, Öffentlichkeit und politische Entscheidungsträger regelmässig und zielgerichtet mit Monitorings und Empfehlungen zu versorgen. Wolle man mit teuren und aufwändigen empirischen Grosstudien sichtbar nach aussen treten, brauche es mehr institutionelle Kontinuität und mehr Kooperation; angefangen beim Aufbau gemeinsamer Datenpools bis hin zu einer fächerübergreifenden methodischen Kernausbildung.

Weiterführende Informationen

Hinweis

Am 27. Mai um 10.15 Uhr findet die Schlussdiskussion mit dem Titel «Welche Sozialwissenschaft wollen wir?» statt.

UZH Zentrum, Rämistrasse 71, KOL F 117

Dieser Artikel erschien erstmals im unijournal 3/2010.