Anthropologie

«Den Elefanten im Zimmer nicht sehen»

Der Anthropologe Carel van Schaik plädierte am Darwin-Symposium vom vergangenen Wochenende für eine fächerübergreifende Zusammenarbeit zwischen Sozial- und Naturwissenschaften. Ein fruchtbarer Austausch sei möglich und notwendig, die Zeit unüberwindbarer Gegensätze vorbei.

Marita Fuchs3 Kommentare

Carel van Schaik, Anthropologe, Universität Zürich: Den Homo sapiens in das Kontinuum der Naturgeschichte stellen und aus ihr heraus seine Einzigartigkeit erklären. (Bild: Tom Haller)

Manche Sozial-und Geisteswissenschaftler verteidigen die Einzigartigkeit des Menschen und seiner Kultur umso vehementer, je mehr die Naturwissenschaften, die Genetik und die Hirnforschung den Menschen in einen grossen evolutionären Zusammenhang stellen. Forschern, die auch in unserer Zivilisation die Biologie am Werk sehen, werfen sie vor, den Menschen zu erniedrigen, gar Reduktionismus zu betreiben.

Am vergangen Wochenende, auf dem Darwin-Symposium, das an der Universität Zürich Irchel (UZH) stattfand, versuchte der UZH-Anthropologe Carel van Schaik, die unterschiedlichen Standpunkte zu verorten. «Der moderne Mensch ist ein Produkt der Evolution», meinte van Schaik, «in dem sich angeborene Reflexe, gelerntes Verhalten und rationales Handeln vereinen.»

Evolutionäre Psychologie einbeziehen

Psychologie oder Neurowissenschaften zu studieren, ohne die analytischen Werkzeuge der Evolutionstheorie zu benutzen, sei etwa so, wie Physik ohne Mathematik zu studieren, zitierte van Schaik den US-Anthropologen John Tooby, den Begründer der evolutionären Psychologie. Bei dieser Theorie spielen klassische psychologische Daten eine grosse Rolle, sie werden jedoch durch Erkenntnisse über die menschliche Evolution, Jäger und Sammler-Studien oder ökonomische Modelle ergänzt.

Es sei ihm unverständlich, so van Schaik, dass bestimmte menschliche Verhaltensweisen von Sozialwissenschaftlern untersucht würden, ohne naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit einzubeziehen. Das sei so, wie einen Elefanten im Zimmer nicht zu sehen.

Kindsmord durch Stiefväter

Ein Beispiel: Laut einer kanadischen Studie, die in den 1980er Jahren durchgeführt wurde, ist das Risiko, dass Kleinkinder getötet oder misshandelt werden, 70x wahrscheinlicher, wenn sie bei Stiefvätern aufwachsen, als wenn sie beim leiblichen Vater bleiben. Töten, so van Schaik, war in der Menschheitsgeschichte schon immer eine effektive Fortpflanzungsstrategie.

Der lange Arm der Biologie

Die wissenschaftliche Untersuchung von Phänomenen, wie den Kindstötungen, müsse sozialwissenschaftlich und evolutionsbiologisch angegangen werden, denn zum einen sei die Reproduktion zentral für die evolutionäre Dynamik gewesen, zum anderen spielten die gesellschaftlichen Verhältnisse ebenfalls eine tragende Rolle.

Das Verhalten der Stiefväter dürfe nicht nur – wie es manche Sozialwissenschaftler tun – ausschliesslich auf sozioökonomische Hintergründe zurückgeführt werden, wie zum Beispiel die wirtschaftliche Situation der Stiefväter oder deren Persönlichkeitsstruktur. Beide – die Ansätze der Natur- und der Sozialwissenschaften – sollten gesellschaftliche Phänomene wissenschaftlich angehen, so van Schaik. Nur so könne man dem Phänomen umfassend begegnen und letztlich, wie im Fall der Kindstötungen, auch das Risiko für die Kinder minimieren.

Kritik von Sozialwissenschaftlern, man würde etwa Unterschiede im geschlechtsspezifischen Verhalten auf vereinfachende Weise – reduktionistisch – auf angeborene, biologische Merkmale zurückführen, weist van Schaik von sich. Man müsse den Homo sapiens in das Kontinuum der Naturgeschichte stellen und aus ihr heraus seine Einzigartigkeit erklären.

Anreize zur Zusammenarbeit schaffen

Deshalb plädiere er auch für eine fächerübergreifende Kooperation der Disziplinen. Es gebe ja schon viele Ansätze einer fruchtbaren Zusammenarbeit, die Zeit unüberwindbarer Gegensätze sei vorbei.

Den Studierenden müssten auf Dauer mehr Anreize geboten werden, sowohl sozial- als auch naturwissenschaftlich zu arbeiten. In den Sozialwissenschaften seien die Zusammenhänge ja nicht weniger komplex als in den sogenannten exakten Naturwissenschaften.

Marita Fuchs ist Redaktorin UZH News

3 Leserkommentare

Alex Gamma schrieb am Evolutionäre Psychologie? "Psychologie oder Neurowissenschaften zu studieren, ohne die analytischenWerkzeuge der Evolutionstheorie zu benutzen, sei etwa so, wie Physik ohne Mathematik zu studieren, zitierte van Schaik den US-Anthropologen John Tooby, den Begründer der evolutionären Psychologie." Ich denke, es ist ziemlich klar, dass diese Aussage völlig überrissen wäre, selbst wenn sie nicht von John Tooby stammte. Die Psychologie und Neurowissenschaften sind bisher auch ohne viel Evolutionsbiologie ganz gut zurecht gekommen. Wenn dann John Tooby so etwas sagt, ist klar, dass er mit "Werkzeuge der Evolutionstheorie benutzen" seine eigene, zugleich populärste Variante der Evolutionären Psychologie meint. Aber warum sollte jemand die glauben?
Stephan Saalfeld schrieb am Das stimmt doch nicht, Herr Kraus Lieber Herr Kraus, ich habe den Eindruck, dass Sie nicht den Artikel gelesen haben, sondern nach einem Aufhänger für ein vorgefertigtes Beschwerdeschema gesucht haben. Ihre Kritik lässt sich im Kontext des hier veröffentlichten Artikels nicht nachvollziehen. Gleich als erstes werden Sie feststellen müssen, dass der Evolutionsbegriff umfassend gebraucht und nicht allein auf die "Biologie" reduziert wird. (Was ist eigentlich an kultureller Evolution "un-biologisch"?). Die von Ihnen als exklusiv menschlich definierten Verhaltenskonzepte (Moral, Ethik etc.) fallen eben nicht einfach vom Himmel sondern sind selbst Ergebnis eines evolutionären Prozesses. Gerade deshalb ist es falsch, sie unabhängig vom übrigen evolutionären Diskurs zu betrachten, und allein das ist es, was Herr van Schaik hier anregt. Die polemische Platitüde von der "Verrohung und Zersplitterung der Gesellschaft" erscheint im Kontext der allerjüngsten europäischen Geschichte mehr als fragwürdig.
Harald Kraus schrieb am Wissenschaft mit zweifelhaften Motiven Ich finde die Thesen von Herrn Schaik insofern gefährlich, als das er das menschliche Verhalten auf eine Ebene mit Tieren stellt. Es fehlt mir die Erwähnung einer kulturellen Evolution, die die eigentlich treibende Kraft in der menschlichen Evolution ist, seit Menschen Sprache, Religion, Kunst, Philosophie und Wissenschaft entwickelt haben. Bezeichnend und geradezu entlarvend ist das Beispiel, das er für seine Thesen verwendet, nämlich Töten als " effektive Fortpflanzungsstrategie". Von Schaik spricht von "dem Problem umfassend begegnen", indem man es "wissenschaftlich" betrachtet. Ich vermisse in seiner "umfassenden" Sichtweise Kriterien wie Moral, Ethik, Humanismus usw. Solche Thesen leisten einer zunehmend zu beobachtenden Verrohungund Zersplitterung der Gesellschaft in darwinistsiche Einzelkämpfer Vorschub, für die eben auch Töten ein Reproduktions-Vorteil ist und sonst gar nichts. Ich finde, man sollte sich auf das besinnen, was den Menschen eigentlich ausmacht Meschlichlichkeit.

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