Das Gehirn: «use it or lose it»

Vom 26. bis 30. Juni trafen sich die weltweit führenden Neuropsychologinnen und -psychologen an der Universität Zürich am Kongress «From neural plasticity to neurorehabilitation». Eingeladen hatte der Neuropsychologe Prof. Lutz Jäncke. unipublic hat sich mit ihm über die beeindruckendsten Ergebnisse unterhalten.

Interview: Brigitte Blöchlinger

Initiant des Kongresses «From neural plasticity to neurorehabilitation» und passionierter Neuropsychologe: Prof. Lutz Jäncke von der Universität Zürich. (Bild: Roger Nickl)

Die neurologische und neurowissenschaftliche Forschung der letzten 15 Jahre hat gezeigt, dass das menschliche Gehirn viel stärker auf externe Einflüsse reagiert als bislang vermutet. Welches waren die wichtigsten Befunde, die die stärkere Plastizität des Gehirns offenkundig machten?

Lutz Jäncke: Begonnen hat alles mit Tieruntersuchungen, in denen gezeigt werden konnte, dass sich bei motorischem oder auditorischem Training die primären motorischen und auditorischen Hirnareale innerhalb kürzester Zeit anpassen. In diesem Zusammenhang war bemerkenswert, dass sich die neuronalen Netzwerke veränderten. Sie wurden in der Anfangsphase des Lernens grösser, veränderten ihre Form und ihre Zusammensetzung. Diese ersten Befunde wurden durch bildgebende Untersuchungen zu Beginn der 90er Jahre auch am Menschengehirn nachgewiesen. Insbesondere Studien an gesunden Personen, die über exzeptionelle Fähigkeiten verfügen, waren hier ein wesentlicher Motor des Erkenntnisfortschrittes. So konnten zum Beispiel bei Profimusikern, die ja bekanntlich sehr früh mit dem musikalischen Training beginnen und bis ins hohe Alter intensiv ihre musikalischen Fertigkeiten trainieren, vielfältige neuroanatomische und neurophysiologische Veränderungen festgestellt werden. In der Folge wurden auch kurze und längere Längsschnittuntersuchungen durchgeführt, die belegen, dass selbst kurzfristiges Training zu markanten anatomischen und neurophysiologischen Veränderungen führt.

Das Gehirn eines Profi-Musikers beim zweihändigen Klavierspielen. Die weissen Flächen im Motorikareal sind bei ihm weniger durchblutet als bei Amateurmusikern  – denn was viel geübt wird, strengt das Gehirn weniger an, wird ergo weniger durchblutet.  (Bild: Zentrum für Neurowissenschaften Zürich)

Am Kongress «From neural plasticity to neurorehabilitation» an der Universität Zürich äusserten sich die weltweit bekanntesten Neuropsychologinnen und -psychologen zur Frage, wie die Grundlagenforschung zur Hirnplastizität für Therapien genutzt werden kann. Welches sind die wichtigsten Erkenntnisse dazu?

Jäncke: Es sind verschiedene interessante Bewegungen festzustellen. Zunächst einmal können wir festhalten, dass aufgrund der Erkenntnisse grundsätzlich viel mehr Mut existiert, mittels unterschiedlicher Trainingsmassnahmen neurologische und psychiatrische Probleme anzugehen. Vor nicht allzu langer Zeit wurde dies noch völlig anders eingeschätzt. Insofern sind nun viele Bemühungen festzustellen, Trainings- und Rehabilitationsmethoden zu entwickeln, die geeignet sind, kognitive und motorische Defizite zu kompensieren und gegebenenfalls gar zu eliminieren. Interessant ist auch, dass, aus der Grundlagenforschung kommend, einige Forschergruppen anwenderorientierte Trainingsprogramme und -konzepte entwickelt haben, die im klinischen Alltag nutzbar sind. Es gibt auch Ansätze, wo mittels geeigneter pharmakologischer und neurophysiologischer Interventionen plastische Prozesse ausgelöst und verstärkt werden können.

Viele Erkrankungen des menschlichen Gehirns sind langwierig und therapieresistent, schreiben Sie in der Kongressankündigung. Für welche dieser Krankheiten eröffnen sich durch die Plastizitätsforschung welche Heilungs- bzw. Linderungschancen?

Jäncke: Besonderes Interesse fanden Therapieansätze, die sich der Behandlung der Dyslexie widmeten. Einen grossen Raum nahmen auch Trainingsmassnahmen ein, die sich mit der Verbesserung kognitiver Leistungen im vorangeschrittenen Alter auseinandergesetzt haben. Es war schon erstaunlich zu erkennen, wie durch geeignete Trainingsmassnahmen bei älteren Menschen kognitive Leistungen verbessert werden können. Ein besonderes Highlight war auch der Vortrag von meinem Kollegen Prof. Roger Nitsch, der seinen Impfungsansatz zur Stabilisierung und eventuellen Heilung der Alzheimer Krankheit darstellte.

Erforscht erfolgreich die Alzheimer Erkrankung: Professor Roger M. Nitsch, Direktor der Abteilung für Psychiatrische Forschung an der Universität Zürich. (Bild: Adrian Ritter)

Welche am Kongress vorgestellte Erkenntnis hat Sie selbst als Experte, Initiant des Kongresses und Neuropsychologe am meisten beeindruckt?

Jäncke: Es gab eine Reihe von sehr beeindruckenden Vorträgen und Präsentationen. Wichtig neben den vielen neuen Erkenntnissen bezüglich moderner kognitiver Trainingsverfahren war der Beitrag von Professor Erin Bigler, der meinem eigenen Forschungsansatz folgt und dezidierte neuroanatomische Analysen nutzt, um die Differentialdiagnostik von neuropsychologischen Störungen zu verbessern. Diese Methodik wird meines Erachtens bahnbrechend werden, um die derzeit schwierige Diagnose von Erkrankungen wie dem Schädel-Hirn-Trauma objektiver zu gestalten. Beeindruckend waren auch die von Professorin Paula Tallal vorgestellten Arbeiten zur neuropsychologischen Grundlage von Sprachstörungen und die von ihr vorgestellten therapeutischen Ansätze.

Vorbeugen ist besser als heilen - gilt das auch für das Gehirn? Und wie sähe eine gute «Gehirn-Prophylaxe» aus?

Jäncke: Im Grunde kann man die Empfehlung mit der Redewendung «use it or lose it» zusammenfassen. Unser Hirn ist ein höchst plastisches Organ, dass sich im Sinne eines nicht-linearen Systems vielfältig und überwiegend elegant an die Umgebungsanforderungen anpasst. Insofern kann man jedem empfehlen, sich bis ins hohe Alter kognitiv anregend zu beschäftigen. Ohne anregende kognitive Betätigung treten «negative» plastische Prozesse ein, die mit Abbau des Nervengewebes verbunden sind.

 

Brigitte Blöchlinger ist Redaktorin von unipublic.

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